Jon Lord – Concerto for Group and Orchestra

Neueinspielungen sind ein gewagtes Unterfangen: hat der Künstler aus seiner Sicht gute Gründe (rechtlich, klangtechnisch, songschreiberisch, …) ein bereits veröffentlichtes Werk nochmals aufzunehmen, reagiert die Umwelt in der Regel skeptisch: Fans kennen und lieben das Original genau so, wie es seinerzeit veröffentlicht wurde und reagieren sensibel auf jede Änderung; manch einer vermutet auch lediglich die Eröffnung neuer Einnahmequellen mit möglichst geringem Aufwand.

In der Filmbranche zeigt George Lucas bereits seit Jahren, wie das Herumbasteln an der eigenen Legende den Ruf nachhaltig schädigen kann: jede neue „Star Wars“-Edition ändert noch ein bißchen mehr am bereits überarbeiteten Material, wobei nicht nur optische Elemente aufpoliert, sondern auch inhaltliche Änderungen vorgenommen werden – sehr zum Frust der zahlreichen Anhänger der ursprünglichen Versionen.

Mit dem 2012’er Release des „Concerto For Group And Orchestra“ wagt sich Jon Lord an die dritte Aufnahme seines wegweisenden Werks von 1969, welche gleichzeitig auch die erste Studioaufnahme ist.

Die Uraufführung, anschließend als „DEEP PURPLE“-Album veröffentlicht, stand unter keinem guten Stern: nicht nur einige seiner Bandkollegen brachten dem Projekt nur mäßige Begeisterung entgegen, auch das Royal Philharmonic Orchstra war von der Idee, zuammen mit einer Rockband zu musizieren, alles andere als angetan. So ist es wohl hauptsächlich dem Dirigenten Sir Malcolm Arnold zu verdanken, daß die Aufführung überhaupt ohne größere Zwischenfälle über die Bühne gehen konnte. Nach nur einer weiteren Aufführung 1970 in den USA ging die Partitur verloren, was gleichzeitig das Aus für das „Concerto“ bedeutete.

Glücklicherweise gibt es allerdings Menschen wie den holländischen Musiker und Komponisten Marco de Goeij, der in mühevollster Kleinarbeit die Partitur mit Hilfe der 1969’er Aufnahmen weitestgehend rekonstruieren konnte, was in einer erneuten Aufführung des „Concertos“ 1999 in London sowie einer anschließenden DEEP PURPLE-Orchestertour in den Jahren 2000 / 2001 resultierte. Bereits hier hatte Jon Lord einige Änderungen gegenüber der Originalversion eingearbeitet, war jedoch mit dem Ergebnis noch immer nicht vollständig zufrieden.

“Over these last years since leaving Deep Purple, I’ve played it over 30 times with different orchestras and conductors all over the world, and, of course, in 2000 I did it well over 30 times with Purple on the Concerto tour, so I’ve been honing the piece live on stage, and I’ve had the opportunity to change things in the score that weren’t sounding quite right. It is therefore a marvellous and exciting prospect to have the definitive recording of the definitive version of the score.”

(Jon Lord May 2012)

Zur Realisierung der Neuaufnahme holte Jon Lord den Dirigenten Paul Mann mit ins Boot, der bereits 1999 sowie auf der anschließenden Tour den Taktstock geschwungen hatte. Die Rhytmussektion wurde mit Guy Pratt sowie Brett Morgan  ebenso hochkarätig besetzt wie die Gitarrenriege, in der neben Darin Vasilev und Joe Bonamassa auch Steve Morse vertreten ist, der bereits an der 1999-Aufnahme mitwirkte. Ein besonderer Coup gelang Jon Lord bei den Vocals, hier übernimmt neben den beiden Musikern seiner „Hausband“ Steve Balsamo und Kasia Laska auch Bruce Dickinson einen Gesangspart.

Schon kurz nach dem Drücken der „Play“-Taste überrascht die Dynamik der Aufnahme mit einer Spannweite, wie sie bei aktuellen Produktionen leider nur noch selten zu finden ist und steigert sich, wenn Band und Orchester gleichzeitig loslegen, zu einem beeindruckenden Klangerlebnis.

Im Studio sicherlich kontrollierter agierend  als in einer Live-Situation schaffen es Paul Mann und das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra trotzdem, jeglichen Anflug von Sterilität zu vermeiden und das Zusammenspiel deutlich lebendiger zu gestalten als das Royal Philharmonic Orchstra 1969. Die Bandparts hingegen, auf der Originalaufnahme teilweise improvisiert, wirken deutlich arrangierter und kontrollierter, was dem Gesamteindruck jedoch nicht schadet.

Der Gesang wurde zweigeteilt: den ersten Teil übernimmt Steve Balsamo, ergänzt um Background-Harmonien von Kasia Laska, während im zweiten Teil Bruce Dickinson mit einer gefühl- und gleichzeitig kraftvollen Performance unterstreicht, welch großartiger Sänger er ist.

Insgesamt halten sich die Änderungen zum Originalwerk in Grenzen – zumeist sind es nur kleinere Schönheitsreperaturen um Übergänge gefälliger zu gestalten oder Kürzungen, um den Spannungsbogen zu intensivieren und genau wie 1999 scheinen die meisten Änderungen gegenüber der Originalaufnahme das „Third Movement“ zu betreffen.

Jon Lord, der am 16.Juli 2012 verstarb, konnte vor seinem Tod den finalen Mix des „Concertos“ noch fertigstellen und freigeben. Für ihn schließt sich der Kreis, denn das Werk, welches als erstes die volle Aufmerksamkeit auf seine Fähigkeiten als Komponist lenkte wird gleichzeitig auch die letzte Veröffentlichung sein, die unter seiner Regie entstand.

Erstaunlich, wie etwas „so altes“ so frisch klingen kann.

7 Kommentare

  1. Hallo Andreas,

    auch wenn ich das Concerto 2012 noch nicht gehört habe, so bin ich doch voller Vorfreude angesichts deiner Rezension, die mich begeistert hat. Das Concerto offenbarte bereits 1969 das riesige Talent Jon Lords, der damit ein zeitloses Werk geschaffen hat. Ich kann jede einzelne Note mitsingen und man kann es immer und immer wieder anhören, ohne dass es langweilig oder fade wird. Ein großartiges Stück Musikgeschichte, das den Beginn einer der einzigartigsten Karrieren in der Rockmusik markierte. Danke Jon! Danke Deep Purple!

    Thomas

  2. Hi Andi,

    vielen Dank für Dein gelungenes review. Meine 2 cents dazu:

    Es war schon immer eine Marotte von Jon, ständig an seinen Werken „herumzufummeln“ und noch etwas zu verändern. Wenn Du mit ihm einen gig vereinbart hattest, machte Dich das recht nervös, weil die Noten bis zur letzten Minute nicht bei kamen. „Ich muss da noch was verändern“, pflegte er zu sagen. Gemerkt hätte die Änderungen niemand im Publikum, aber so war er halt und das musste man akzeptieren.

    Gillan sagte 1999 in der RAH: „finally, we got it right“.
    NEIN, sage ich.
    Finally NOW Jon got it right. Ich bin überglücklich, dass Gott ihm noch die Zeit gab, dieses Projekt zu verwirklichen. Ich weiss, wie sehr ihm das eine Herzensangelegenheit war und er hat uns allen damit ein wirkliches Denkmal hinterlassen. SO wollte er sein Concerto immer haben; das war sein „baby“. (Und ist eines der grössten Werke der Musikgeschichte, IMHO).

    May the maestro rock in peace!

    @xel

  3. Hallo Andreas,

    auch ich habe seit einigen Tagen die Concerto CD und war im Vorfeld sehr gespannt, was mich erwartetn würde. Und ich muss sagen, Dein Review trifft in allen Punkten zu. Ich finde es bewundernswert, dass Jon es trotz der Schwere seiner Erkrankung noch fertig einspielen konnte.

    Gruß
    Joachim

  4. Nachdem ich die Aufnahme endlich in Ruhe anhören konnte, kann ich Andreas nur zustimmen, seine Besprechung kann ich eigentlich komplett unterstreichen. Nur zwei Anmerkungen: die Passagen mit Jon’s Hammond sind mir extrem unter die Haut gegangen – mir war plötzlich klar, dass das wahrscheinlich seine letzten Aufnahmen sind und das hat mich emotional sehr stark berührt. Er spielt so frisch und innig, ich bin tief betroffen davon. Alles ist gut, die Aufnahme ist toll zusammengestellt und trotzdem fehlt mir Ian Gillan als Sänger – das ist keine Kritik an den ausführenden Vokalisten aber speziell sein Gesang bei der zweiten Tokyo-Aufnahme aus der Soundboard-Box ist unübertroffen. Aber: Jon hat uns eine wunderbare Aufnahme geschenkt, die für die Bewahrung seines Werkes ganz wichtig sein wird.

  5. Danke für die ausgewogene, sachliche und ehrliche Betrachtung, die auch den Hintergrund beleuchtet.
    Gerade gestern habe ich mir die DVD vom 1969er Auftritt wieder angesehen. Obwohl die Version von 1999 mit dem gesamten Beiprgorammm (Dio, Miller Andersson, Steve Morris etc…) sehr gelungen und klanglich wesentlich besser ist, konnte sie für mich der Ur-Version in Spannung und Dramatik nie das Wasser reichen. Auch nicht, als ich sie 2000 in Hamburg sehen konnte. Eines meiner besten Konzerte.
    Zum einen liegt es sicherlich an der damaligen Spannung in Band und Orchester, sicherlich aber auch an der so prägnanten Gitarrenarbeit Blackmores, die auf dem Punkt war. Zum anderen liegt es sicherlich daran, dass man mit der Ur-Version aufgewachsen ist und sie verinnerlicht hat.
    Ich bin daher um so gespannter, wie die Studioversion gelungen ist und freue mich darauf.

    Es wäre schön, wenn es eine respektvolle live Tour zu dem Album geben würde. Wobei dem Organisten dann eine fast unlösbare Aufgbae zukommt.

    Karl-Heinz

    • Das geht mir auch so. Ich habe immer die Version von 1969 im Ohr/Auge.

      Vor allem der Gesang von Ian im 2. Movement und im 1. Movement das Gitarrensolo
      von Ritchie … und Malcom Arnold blättert nervös in den Noten.

  6. Hallo Andreas,

    danke für die schöne Besprechung. Ich freue mich auf die Neuaufnahme des Concerto, scheint ja wirklich gelungen zu sein.

    Peter

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