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Konzerte

Noisegate Festival 2007-04-08

SISTER SIN

Eine Statistik, wie viel Prozent der schwedischen Bevölkerung gerade in musikalischer Mission im Ausland unterwegs sind wäre bestimmt interessant: auch Jon Olivas Begleiter DYONISUS und NOSTRADAMEUS vom Vorabend stammten laut eigener Aussage aus Schweden, dem Heimatland von SISTER SIN. Entweder handelt es sich hierbei um einen reinen Zufall, oder halb Schweden ist zur Zeit auf Tour.

Während in den geographisch unter der Halle gelegenen Bedürfnisanstalten heftige Diskussionen darüber geführt werden, ob SISTER SIN denn nun Sleaze-Rock spielen oder doch was anderes und ob die Band besser oder mindestens genauso schlecht wie die davor aufgetretenen FAIRYLAND sind, beschäftigt man sich oben in der Halle mehr mit dem Outfit von Sängerin Liv (der ersten des Abends) und erörtert die Frage, ob sie denn als Krankenschwester verkleidet ist oder nicht.

Von solchen tiefschürfenden Diskussionen abgesehen macht der Auftritt der Band einem Großteil der Anwesenden aber durchaus Spaß, auch wenn die Songs einander vielleicht einen Tick zu sehr ähneln und das große „Aha“-Erlebnis wohl bei den meisten auf sich warten lässt.

LEAVES‘ EYES

Wenn in einem Grundschulzeugnis „hat sich stets bemüht“ steht, so ist das in der Regel kein allzu gutes Zeichen. Beschrieben wird die Tatsache, daß sich der Sprößling zwar nach Kräften anstrengt, aber leider auf keinen allzu grünen Zweig kommt.

Auch LEAVES‘ EYES und vor allem Frontfrau Liv (die zweite des Abends) kann man nicht absprechen, sich redlich zu bemühen – um dann letztendlich doch bei der Schlußfolgerung zu landen, daß Mühen alleine auch in diesem Fall nicht ausreicht.

Als Hauptkritikpunkt ist die Stimme von Liv Kristine zu sehen, die zwar hervorragend zu den balladesken und akkustisch angehauchten Zwischenklängen passt, aber just in dem Moment untergeht, in dem sie es mit verzerrten Gitarren aufnehmen soll.

Zum anderen ist da die Gesamtperformance, die ebenfalls nicht allzu stimmig wirkt. Liv hebt sich in feiner Abendgarderobe sowohl optisch als auch durch ihre Gestik von dem Rest der metallischen ATROCITY-Truppe ab, ein Spannungsbogen, der beinahe gelingt, würde sich nicht Bandleader und Ehemann Alex Krull auf die Bühne gesellen und wie ein Fremdkörper wirken.

Auf Dauer recht ermüdend sind auch die immer gleichen Dankesreden und wenig originellen Ansagen, wenn auch in leichter Variation: „Langen, was geht?“ / „Langen, geht noch was?“, „Langen, da geht noch was!“, „Wickinger“ und „Wollt ihr noch mehr?“ – eine Frage, die gegen Ende des Konzertes von immer mehr Zuschauern mit einem deutlich hörbaren „Nein“ statt des erhofften „Ja“ erwidert wird.

KAMELOT

Keine Ahnung, was genau mit KAMELOTs Vorzeigesänger los ist, aber Roy Khan scheint nicht in bester gesundheitlicher Verfassung zu sein. Während er vor allem bei den ersten beiden Songs über weite Strecken gewaltig neben den eigentlich zu treffenden Tönen liegt, bessert sich die Lage ab dem dritten Song. Auffällig ist aber weiterhin, daß er bei jeder Ansage zwischen jedem einzelnen Wort deutlich nach Luft ringt und auch die Setlist macht mit zwei Instrumentals und einer Zugabepause bei nur 75 Minuten Spielzeit einen deutlichen „wir schonen unseren Sänger“-Eindruck.

Neben den regulären Bandmitgliedern sorgt im Hintergrund Tour-Aushilfskraft Anne-Catrin Märzke für den Großteil der weiblichen Vocals – nur beim Duett „The Haunting“ entert EPICA-Frontfrau Simone Simons die Bühne, um die schon in der Studioversion von Ihr gesungenen Parts zu übernehmen – ein Experiment, daß live genau so gut klappt wie auf Konserve und mir den Song eindeutig viel zu kurz vorkommen lässt. Als Glücksgriff für die Band erweist sich auch Nicht-mehr-ganz-so-neu-Zugang Oliver Palotai, der nicht nur während des Keyboard-Solos virtuos in die Tasten greift und den KAMELOT-Gesamtsound hörbar bereichert.

Neben vielen Songs vom immer noch aktuellen Werk „The Black Halo“ gibt es als besonderes Schmankerl auch eine Schnuppermöglichkeit in das demnächst erscheinende „Ghost Opera“, an dessen Artwork der Bühnenaufbau bereits angepasst wurde.

W.A.S.P.

Manchmal nimmt man sich etwas vor und erledigt es sofort, ein anderes Mal kommt man einfach nicht dazu. Schon 1987, direkt nach dem Erwerb von „Live … In The Raw“ stand der Entschluss, W.A.S.P. einmal live sehen zu wollen. Die Umsetzung sollte allerdings rund 20 Jahre auf sich warten lassen. Von daher waren die Vorzeichen klar: entweder wird die Show ein Knaller oder es gibt eine verfrühte Heimreise.

Als pünktlich zum anvisierten Showbeginn THE DOORS aus den Boxen schallen wächst die Spannung ins Unermeßliche und entlädt sich mit den Openern „On Your Knees“ und „Electric Circus“ in einer unterhaltsamen Zeitreise. Zwar sind Blacky Lawless (und wahrscheinlich auch ich) einige Jährchen älter geworden, trotzdem fühle ich mich wie mitten in einer Verjünungskur.

Auch W.A.S.P. haben ähnlich wie KAMELOT mit „Dominator“ ein demnächst erscheinendes Album in der Pipeline, das ebenfalls deutlich den Bühnenaufbau dominiert und – zumindest in diesem Falle – zu einer skurilen Situation führt: da steht ein rund 50-jähriger Mann in Stöckel-Overknees, Leggins, über dem durchaus sichtbaren Bauchansatz zusammengeknoteten T-Shirt und Lack-Armstulpen auf einem an „Ghostrider“ erinnernden Mikroständer und warnt mit deutlichen Worten, daß ein Jeder darauf achten sollte, daß die Regierung nicht die eigenen Bürgerrechte beschneidet. In diesem Moment wird klar, welch großer Zauberer George W. Bush tatsächlich ist.

Zum ersten Stimmungseinbruch bei der ansonsten rundum gelungenen Party kommt es allerdings, als die Band nach nur 50 Minuten die Bühne mit einem „Good Night“ verlässt, obwohl auch hier 75 Minuten Spielzeit vorgesehen sind.

Als erste Pseudozugabe gibt es mit „Heaven’s Hung“ den vielleicht stärksten Song von „Dominator“, bevor nach einer weiteren Zwangspause und nach „Chainsaw Charlie“ sowie „Blind In Texas“ der Vorhang endgültig fällt.

Die in diesem Artikel gezeigten Photos wurden freundlicherweise von Klaus „Pyro“ Porzia zur Verfügung gestellt.